«Für Sie ist Russland gesperrt!»

Luke Hardings russische Presseakkreditierung. Bild: Luke Harding

LONDON, Großbritannien — Im November 2010 kündigte das russische Außenministerium an, die Presseakkreditierung von LUKE HARDING, dem damaligen Moskau-Korrespondenten des Guardian, nicht mehr zu verlängern. Nach bald vier Jahren kritischer Berichterstattung kam das einem Betätigungsverbot gleich. Als Harding, zur Arbeit an den WikiLeaks-Depeschen nach London beordert, aus einem vertraulichen Bericht zitierte, in dem Russland als «regelrechter Mafiastaat» bezeichnet wurde, brachte das den Geheimdienst FSB, der Harding von Anfang an schikaniert hatte, offenbar ganz aus der Fassung. «Für Sie ist Russland gesperrt!», schmetterte ihm ein Grenzbeamter am Flughafen Domodedovo entgegen, als er am 5. Februar 2011 wieder einreisen wollte. Nach einem internationalen Aufschrei und diplomatischem Druck ließen die Behörden Luke Harding doch noch ins Land, damit er mit seiner Familie Russland halbwegs geordnet verlassen konnte. Sein Buch MAFIASTAAT. Ein Reporter in Putins Russland erscheint am 11. Mai 2012 auf Deutsch in der EditionWELTKIOSK — in aktualisierter Fassung und mit einem neuen Nachwort des Autors, der am 10. und 11. Mai in Berlin ist. Russlands Opposition sei nicht revolutionär gestimmt, schreibt Harding am Ende seines Buches. Sie wünsche «sich nichts weiter als ein wirklich pluralistisches System, faire Wahlen und Gleichheit vor dem Gesetz. Die Tatsache, dass Wladimir Putin das nicht begreift, zeigt, dass er den Bezug zur Realität verloren hat und in seiner eigenen KGB-Fantasiewelt lebt. Es ist das typische Problem von Herrschern, die zu lange an der Macht sind.»

UPDATE 11. Mai 2012: «Die mögen Dich wohl wirklich nicht», meinte Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger lakonisch, als ihn Luke Harding während seiner Abschiebung vom Flughafen Domodedowo doch noch am Telefon erreichte. Daran hat sich wohl bis heute nichts geändert. Wer seit heute «Mafiastaat» bei Google eingibt, findet als fünfte Auflistung zwar die WELTKIOSK-Seite des Buches. Wer aber auf den angegebenen Link klickt, landet bei einer fehlerhaften Seite mit einer russischen URL — from Russia, apparently, with not much love.

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Vorteil Sarkozy?

PARIS, Frankreich — «Sehr schlechte Nachrichten für Präsident Nicolas Sarkozy»: Das war das erste Urteil, auf dass sich die meisten Kommentatoren in der Wahlnacht einigten. Kein Amtsinhaber hat je die erste Runde französischer Präsidentschaftswahlen verloren — doch «Sarko» liegt hinter François Hollande. Nur jeder Vierte hat für den amtierenden Präsidenten gestimmt —  fast ein Affront. Jean-Marie Le Pen, der Vater (buchstäblich wie metaphorisch) der französischen Rechtsextremen, formulierte es mit der ihm eigenen Brutalität: «Sarkozy ist geschlagen.»

Und doch: Je später die Nacht, desto stärker wurden meine Zweifel. Das lag nicht nur daran, dass Hollandes Vorsprung schmolz, je mehr Wahlkreise ausgezählt wurden, von zunächst über drei auf weniger als zwei Prozent. Denn zählt man die Stimmen zusammen, scheint eine rechte Mehrheit leichter zu bilden zu sein als eine linke.

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Ahmed Rashid: Der Westen hat in Afghanistan versagt

Bild: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

HAMBURG, Deutschland — Ist die internationale Gemeinschaft in Afghanistan gescheitert? Ja, argumentierte unser Autor Ahmed Rashid (Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban) am Montag bei einer von der Koerber-Stiftung veranstalteten Debatte: keines der Ziele sei erreicht, die Taliban seien nicht geschwächt, sondern eher noch gestärkt worden; die Sicherheitslage sei weiterhin fragil, und es sei völlig unklar, ob die mit viel Geld aufgebaute afghanische Armee und Polizei nach dem für 2014 vorgesehen Abzug ausländischer Kampftruppen gegen die Aufständischen bestehen könnten. Nein, entgegnete Botschafter Michael Steiner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan: Zwar seien anfangs viele Fehler gemacht worden, doch habe der Westen daraus gelernt, und es käme heute darauf an, für eine bessere Zukunft Afghanistans das Richtige zu tun.

Ein Online-Video des Streitgespräches findet sich hier, ein Audio-Mitschnitt hier. [Mit Dank an die Körber-Stiftung.]

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Verschoben: Die arabische Revolte

LONDON, Großbritannien — Angesichts der dramatischen Ereignisse in Libyen, die vergangenen Donnerstag im gewaltsamen Tod des gestürzten Machthabers Muammar al-Gaddafi gipfelten; in Syrien, wo Bashar al-Assad Proteste weiterhin brutal erstickt und auch vor dem gezielten Mord an Oppositionellen nicht zurückschreckt; in Tunesien und Ägypten, wo Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung am Sonntag bzw. Parlamentswahlen ab Ende November erste Hinweise geben werden, in welche Richtungen sich der Aufbruch in Arabien entwickeln wird, haben wir uns entschieden, das Erscheinen unseres Buches Die arabische Revolte auf NOVEMBER 2012 zu verschieben.

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Vergessen oder verdrängt?

Markus Bickel (links) im Gespräch mit Detlev Mehlis. Bild: WELTKIOSK

BERLIN, Deutschland — Viel hatte Detlev Mehlis, leitender Oberstaatsanwalt in Berlin und früherer UN-Chefermittler im Mordfall Rafiq Hariri, bei der Vorstellung von Markus Bickels neuem Buch Der vergessene Nahostkonflikt an dem Werk nicht auszusetzen. Aber der Buchtitel? Sei der Nahostkonflikt — über des seit bald 60 Jahren ungelösten Streits zwischen Israelis und Palästinensern hinaus — tatsächlich «vergessen»? Oder werde er nicht vielmehr «verdrängt»? Die internationale Staatengemeinschaft wollte sich mit der weiterhin brisanten Lage im Länderdreieck Syrien–Israel–Libanon nicht beschäftigen, sagte Mehlis. Womöglich sei der Konflikt auch einfach «noch nicht reif für eine Lösung».

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